Werkdenken
Plädoyer für ein anderes Filmverständnis
Entscheidend bei einem Film
ist nicht das, was man SIEHT.
Sondern das, was man nicht sieht.
Dort beginnt das Werk.
Der Glaube ist weit verbreitet, ein Film sei das, was man sieht.
Darauf beruht das herrschende “dramaturgische” Standardmodell.
Es arbeitet mit dem Sichtbaren.
Es ordnet ein physisches Geschehen.
Linear. Kausal. Über die Psychologie von Figuren.
Es kann damit eine gewissse Spannung erzeugen.
Es kann Einblicke geben in eine Welt.
Es kann auch punktuell emotionale Wirkung haben.
Der standardisierte “Dramaturgie”film folgt diesem Verfahren.
Er kann nichts anderes,
als Wirklichkeit ab- oder nachzubilden.
Er muss aufgrund der von ihm selbst gesetzten Prämissen
bei dem bleiben, was man sieht.
Was man bei einem Film NICHT sieht,
ist das Geschehen im Zuschauer.
Das ist das Feld des Werks.
Es organisiert
dieses Geschehen im Zuschauer
als Erlebensverlauf.
Das Werk benutzt die Welt der Erscheinungen lediglich als Material.
Sein Zweck ist nicht Abbildung, sondern Überhöhung von Wirklichkeit.
In einem Akt des Kunstschaffens wird physische Realität in geistige Realität transformiert.
Diese Umwandlung findet im Zuschauer statt.
Als Erleben.
Das Werk ordnet kein äußeres Geschehen.
Es organisiert einen Erfahrungsprozess.
Alle Filme, die wir als große Filme kennen,
alle Filme, die wir dem Weltkino zurechnen,
folgen diesem Prinzip.
Die selbst ernannte „Dramaturgie“
hat den Film geschrumpft.
Indem sie ihr eigenes beschränktes Filmverständnis zur Norm erklärt hat.
Eine begrenzte Praxis hat sich selbst zum Vertreter des Ganzen aufgeschwungen.
Sie hat den Begriff „Dramaturgie“ für sich in Beschlag genommen und erhebt den Anspruch, Dramaturgie schlechthin zu sein.
So entstand der uns bekannte Standard des Filmemachens,
insbesondere in Deutschland,
der bis heute kaum hinterfragt wird.
Aber
Dramaturgie ist weit mehr als das,
was heute unter diesem Namen auftritt.
Sie umfasst
jede wirksame Ordnung eines Films.
Die herrschende “Dramaturgie” hat keinen Begriff vom Werk.
Das Werk ist aber keine Nebenerscheinung des Films.
Es ist die Form, in der der Film auf Kunsthöhe zu sich selbst kommt.
Wo Filmemachen als Werkdenken den Raum zurückerobert,
der ihm zusteht,
verändern sich wieder die Maßstäbe.
→ Werkarbeit beginnt hier.