Poetologisches Wörterbuch

Eine der Schwierigkeiten beim Umgang mit Film besteht in der weit verbreiteten Unklarheit über die Bedeutung gewisser fachspezifischer Elementarbegriffe. Es herrscht diesbezüglich eine geradezu babylonische Sprachverwirrung, die wiederum nichts anderes auszudrücken scheint als die Unklarheit der betreffenden Bewusstseinsinhalte in den Köpfen der Beteiligten. Wollen wir gewisse kunsttheoretische Sachverhalte – speziell im Kontext von Film – aufklären, ist es erforderlich eine gemeinsame Sprache zu haben. Wir müssen wissen, worüber wir sprechen, wenn wir von etwas sprechen.

FILMGEIST stellt auf dieser Seite ein Wörterbuch zur Poetologie online. Es soll zum einen dazu beitragen, Klarheit in das Dickeicht der kunsttheoretischen Reflexion über Film zu bringen und zum anderen den dringend erforderlichen Diskurs über filmische Erzählqualität zu befeuern.

Unser Beitrag ist kein Wörterbuch im engen Sinn der Sprachwissenschaft.  Er bedient sich insofern tendenziell eher poetischer Annäherungen denn szientistischer Definitionen.

Das Poetologische Wörterbuch wird ständig erweitert. Sollten Sie selbst an der Erläuterung bestimmter Begriffe interessiert sein oder sollten Sie die vorhandenen Erläuterungen kommentieren wollen, bitten wir hier um Mitteilung per Email an home@filmgeist.org.


Wörterbuch der Poetologie

Dramaturgie   –   die Ordnung von äusseren Geschehensabläufen bzw. deren Erzeugung; steht im Gegensatz zur Poetologie, die sich mit der Ordnung des Rezeptionsgeschehens beschäftigt und mit dessen Erzeugung

Entität   –   geschlossene Einheit. Als solche Baustein des synthetischen Denkens

Erzählkunst   –   wo das Kunstprinzip sich erzählend erfüllt

Film   –   1. ein aus bewegten Bildern bestehendes Produkt; 2. technisches Verfahren zur Erzeugung desselben

FILM   –   ein Film, der mit des Films eigenen Gestaltungsmitteln ein Produkt von gültigem und bleibendem geistigen Gehalt schafft

film   –   das Gegenteil von FILM; tsunamihafte Flut von abgebildeter und nachgebildeter Wirklichkeit ohne jede transzendierende Absicht und ohne jede metaphysische Dimension

Filmdramaturgie   –   die Ordnung von Geschehensabläufen im Film bzw. deren Erzeugung; ist in ihrer gängigen Praxis aufgrund ihrer psychologistischen Ausrichtung für das hochwertige Erzählen ungeeignet  und für den oft beklagten Zustand des deutschen Films verantwortlich

Form   –   das allen Erscheinungen innewohnenede Allgemeine. Formen besitzen wir als Formen des Raums und als Formen der Zeit. Beide zusammen  bilden die geistige Grundlage unserer gesamten Weltwahrnehmung. Als Formen der Zeit sind sie die Grundlage von Geschichten (im poetologischen Sinn)

Geschichte (einfache)   –   diejenige Erzählart, deren Zweck es ist, eine Idee zur Erkenntnis zu bringen. Kennzeichen einer einfachen Geschichte sind: Beispielhaftigkeit und kausale Finalität

Geschichte (magische oder ganzheitliche)   –   diejenige Erzählart, deren Zweck es ist, eine Idee zur Erfahrung zu bringen. Kennzeichen einer magischen Geschichte sind: Beispielhaftigkeit, kausale Finalität und subjektive Erlebbarkeit

Das Geistige   –   die Gesamtheit des nicht-materiellen Anteils am Sein

Gestalt   –   das individuell Erscheinende

Handlung   –   ein von einem Menschen ausgeführter oder durchlaufener Prozess

Held   –   ein Mensch, der den „unbesiegbaren“ Drachen besiegt

Heldenreise   –   der Weg einer realen oder fiktiven Person in eine Heldentat

Heldenreise des Zuschauers   –   der innere Erlebensprozess des Zuschauers bei der Rezeption einer Geschichte

Heldentat   –   die Besiegung des unbesiegbaren Drachen

Idee   –   1. geistiges Urbild; 2.eine allgemeingültige Aussage

Kosmos   –   Die Gesamtheit eines Wirklichkeitsausschnitts (etwa der Kosmos des Zirkus, der Kosmos der Nacht, der Kosmos Berlin)

Kunst   –   das im Werk sich erfüllende Prinzip der Transzendenz von physischer Realität in geistige Realität

Poetologie (allgemeine)  –   die Gesamtheit der Vorstellungen, die sich die Menschheit von Kunst macht. Auf Film bezogen: Die Lehre davon, was ein guter Film ist und wie man einen solchen macht

Poetologie (individuelle)   –   die Gesamtheit der Vorstellungen, die sich ein einzelner Mensch von Kunst macht

Platonismus   –   die Lehre von den zwei Wirklichkeiten; philosophische Grundlage der Poetologie

Plot   –   die als Gestaltungsgrundlage für eine dramatische Erzählung dienende Handlung

Prämisse   –   Voraussetzung; in der Prämisse werden die Erzählelemente bestimt, mit deren Hilfe der Erzähler das Interesse des Publikums gewinnen und erhalten will. Bestandteile der Prämisse sind neben dem Stoff Thema, Idee, Kosmos, Teleologie (Plot) und Machart

Protagonist   –   diejenige Figur der Erzählung, mit deren Hilfe in der Erzählart der magischen Geschichte das Erleben des Zuschauers, seine innere „Heldenreise“ organisiert wird

Prozeß   –   Vorgang in der Zeit, gekennzeichnet durch das Vorhandensein von Anfang, Mitte und Ende

Spannung   –   ein Zustand konzentriertester Aufmerksamkeit für einen Prozess, dessen Ausgang man nicht kennt, den man aber dringend wissen möchte

Stoff   –   eine als Materialgrundlage für das Erzählen dienende Begebenheit

Struktur   –   die Ordnung eines Ganzen als Verhältnis seiner einzelnen Bestandteile zu diesem Ganzen und zueinander

Sujet   –   das zu Behandelnde

synthetisch   –   zusammensetzend; zusammengesetzt

synthetisches Denken   –   zusammensetzendes Denken. Im Gegensatz zum analytischen Denken, welches ein kausal verknüpfender Vorgang ist, ist das synthetische Denken ein in Beziehung setzender Vorgang. Die synthetische Denkweise ist als Mittel der nicht-analytischen Erkenntnis das Mittel der Poetologie wie das Mittel aller Kunst schlechthin

Teleologie   –   das aufs-Ende-Gerichtet-sein (des Erzählens)

Thema   –   das inhaltlich Allgemeine (etwa die Liebe an sich im Gegensatz zu einer konkreten Liebe, z.B. die zwischen Romeo und Julia)

Weltkino   –   was vom Film bleibt; Filme von universaler, dauerhafter Gültigkeit

Werk   –   das materialisierte Resultat des Kunstschaffens